Die gewählte europäische Abhängigkeit von den USA.
Unsanft reißt Sie der Klingelton ihres iPhones aus dem Tiefschlaf. Als Morgenmuffel gelingt es ihnen gerade noch an ihre zu dieser Tageszeit begrenzten Willenskraft zu appellieren und ihr Handy nicht schlecht gelaunt an die Wand zu schmettern, sondern lediglich den Snooze-Button zu betätigen. Nach dem dritten Klingeln beerdigen Sie allmählich ihre unbegründete Hoffnung, dass Sie weiterschlafen können und öffnen Schlaftrunken Instagram, YouTube oder Ihren Browser.
Auf dem Weg zur Arbeit versuchen Sie nochmal Kraft für den Tag zu sammeln und machen sich ihre Lieblingsplaylist auf Apple Music an. Im Büro angekommen setzen Sie sich an Ihren Windows Laptop und arbeiten in inniger Kooperation mit Microsoft Office ihre Aufgaben des Tages ab. Lästige E-Mails ihrer übermotivierten Kollegin Amy Santiago beantworten Sie mittlerweile mit Copilot, ChatGPT, oder Claude, um sich auf die eigentlichen Problemstellungen fokussieren zu können.
Am Abend fallen Sie erschöpft aufs Sofa und legen einen entspannten Netflix-Abend ein. Da der Kühlschrank leer ist und Einkaufen samt anschließendem Kochen aufgrund mangelnder Kraftreserven heute nicht mehr infrage kommt, liefert UberEats Ihnen den Big Mac inklusive Pommes frisch von der McDonalds Fritteuse direkt an Ihre Haustür. Da Sie als moderner Deutscher kein Bargeld bei sich haben, wählen Sie komfortabel Paypal als Zahlungsoption. Apropos, sollte heute nicht Ihr Amazon Paket angekommen sein? Natürlich hat Sie der Amazon-Bote vor einer halben Stunde nicht angetroffen. Das Paket steht Ihnen anscheinend in der Schlossallee zur Abholung bereit. Von der Adresse haben Sie bisher zwar nur im Monopoly gehört, glücklicherweise weiß Google Maps aber bestens über die Navigation bescheid.
Ohne die Dienste der amerikanischen Unternehmen wären wir im Alltag oft aufgeschmissen. Über Jahrzehnte hat sich eine Abhängigkeit entwickelt und ausgeweitet. Das Fundament dieser Dynamik bildete der Marshall Plan, mit dem die Amerikaner den Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg erheblich unter die Arme griffen. Die USA halfen uns, unsere Wirtschaft und Infrastruktur wieder aufzubauen und beschützten die westlichen Besatzungszonen vor dem kommunistischen Einfluss der Sowjetunion. Es entstand eine Freundschaft und ein fruchtbares Handelsbündnis. Deutschland und weitere europäische Staaten waren die treuesten Verbündeten der USA – Dynamiken einer vergangenen Zeit.
Das heutige US-Oberhaupt entzückte die Menschen im Wahlkampf 2016 noch mit Aussagen, wie dass Belgien eine wunderschöne Stadt sei. Die neuen Charaktere der amerikanischen Regierung haben im Zuge der MAGA-Bewegung ihr Interesse an gesunden transatlantischen Beziehungen verloren und wenden sich ab. Wo einst herzliche Umarmungen zur Begrüßung ausgetauscht wurden, herrscht nun eine „Ellenbogen-voraus-Strategie“. Trump schießt mit Strafzöllen gegen Freund, Feind und Pinguin. Inzwischen ist das Vertrauensverhältnis so erschüttert, dass Europa sich Anfang des Jahres erleichtert den Angstschweiß von der Stirn wischte, als sich abzeichnete, dass die USA doch nicht in das Nato-Gebiet Grönland einmarschieren würde. Die Abhängigkeit von amerikanischen Produkten macht uns Europäer in Mitte der Geschehnisse erpressbar und zu einem Spielball der US-Interessen.
Vielleicht ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, die Abhängigkeit zu lösen. Wenn die USA kein weiteres Interesse an einer Freundschaft mit Europa haben, dann sollten wenigstens wir Europäer uns gegenseitig unterstützen. Auch wir haben eine ausgereifte Produktpalette, die allerdings im Schatten der deutlich weiter verbreiteten amerikanischen Optionen stehen.
Eine Alternative zu Microsoft Office stellt das kostenfreie LibreOffice zur Verfügung. Hier finden Sie einen vollwertigen Ersatz zu Excel, PowerPoint oder Word. Das Interface ist zum Verwechseln ähnlich. LibreOffice ist rechtlich in eine deutsche Stiftung eingebunden. Dass die Produkte auch in der Praxis funktionieren, zeigt Schleswig-Holstein. Das Bundesland hat im Zuge seines Digitalisierungsprogrammes auf digitale Souveränität gesetzt und den Umstieg vom altbewährten Microsoft Paket zu LibreOffice gewagt. Inzwischen laufen bei 80% der Beamten die Anwendungen auf den Computern. Das Bundesland spart durch diese Entscheidung nebenbei 15 Millionen Euro an Lizenzgebühren.
Europäische Handyhersteller heben sich insbesondere durch ihren Nachhaltigkeitsgedanken ab. Mit dem Fairphone existiert beispielsweiße einen Anbieter, der mit recycelten Materialien, nachhaltigen Lieferketten und einfach austauschbaren Teilen wirbt. Reparieren anstatt Neukauf ist hier das Motto. Ferner bietet das Unternehmen auch eine 5-Jahres Garantie. Eine Option, die für professionelle Tollpasche wie mich, deren Handys regelmäßig der Schwerkraft zum Opfer fallen, geprüft werden könnte.
Schwieriger wird es beim Thema Social Media, denn hier greift der Netzwerkeffekt. Je mehr Nutzer eine Plattform hat, umso wertvoller wird Sie für den einzelnen User. In dieser Disziplin haben die US-Konzerne eine kritische Masse erreicht. Ihre Positionen sind mit Facebook, Instagram, LinkedIn, Snapchat, X, YouTube und Reddit weitgehend zementiert. Die Nutzer kennen ihre Plattformen und wollen diese nicht verlassen, was es alternativen europäischen Unternehmen erschwert, in diesem Markt Fuß zu fassen. Die beiden größten europäischen Plattformen BeReal und Yubo können mit ihren Nutzerzahlen nicht mit den amerikanischen Giganten mithalten. Für eine realistische Chance, sich gegen die etablierten Plattformen durchzusetzen, bräuchte es daher nutzerfreundliche und innovative Features, die sich deutlich vom bestehenden Markt abheben.
Eine kostenlose deutsche Alternative zu Google Maps finden Sie in der App „HERE WeGo“. Das Programm gehört einem Konsortium deutscher Automobilhersteller und bringt Sie ebenso präzise an Ihr Ziel. Die Automobilunternehmen kaufte das Produkt 2015 von Nokia ab, um unabhängig von Google Maps bleiben zu können.
Apropos Google, einen spannenden europäischen Rivalen zu der Suchmaschine finden Sie mit Ecosia. Auch hier wird der Nachhaltigkeitsgedanke in den Vordergrund gestellt. Ecosia bezieht den Stom für Ihre Server zu 100% aus ihrem eigens errichtetem Solarparks. Das Unternehmen investiert außerdem 100% des Gewinnes in den Klimaschutz. Besonders das Aufforsten von Wäldern steht für Ecosia im Vordergrund. Seit der Gründung 2009 ist das Unternehmen für mehr als 250 Millionen gepflanzte Bäume verantwortlich und investierte insgesamt 100 Millionen Euro in den Klimaschutz.
Einen großen Wehrmutstropfen gibt es dennoch für des Aspekt „europäischer Unabhängigkeit“. Ecosia nutzt aktuell noch die Suchtechnologie und Werbeanzeigen von Microsoft Bing und ist damit von den USA abhängig. Allerdings kündigte Ecosia zuletzt an, sich von Microsoft abzunabeln, und baut im Zuge eines Joint Ventures gemeinsam mit Qwant einen eigenständigen Webindex auf.
Eine ebenso bittere Pille für Europa-Fans entpuppt sich bei genauerem Hinschauen aus dem immer bekannter werdenden Paypal Konkurrenten Wero. Wero ist zwar ein europäischer Transaktionsanbieter, ihre Infrastruktur wird allerdings auf den Servern von Amazon gesteuert. Wero kündigte zuletzt aber ebenfalls an, europäische Souveränität aufbauen zu wollen und versucht sich auf absehbare Zeit von der Amazon Cloud lösen. Die Situationen von Wero und Ecosia sind dennoch sinnbildlich dafür, wie kompliziert unsere Strukturen mit amerikanischen Unternehmen verwoben sind.
Beim Thema KI hat sich mit Mistral AI ein französisches Unternehmen mit an die Weltspitze der Chat-Modelle gekämpft. Die Modelle aus Paris gelten als ernstzunehmende Konkurrenz zu den amerikanischen Platzhirschen. Ihre Erfolge haben mittlerweile Investoren wie Nvidia und Microsoft angelockt. Was einerseits Reputation bringt, beschneidet andererseits ebenfalls erneut die Unabhängigkeit der europäischen Szene relativiert.
Die Abhängigkeit spannt ein weites Netz aus Cloud-Diensten, Sicherheitssystemen bzw. Cybersecurity, Betriebssystemen, Satelliten und vielem mehr. Selbst der Dax, der die 40 größten deutschen börsennotierten Unternehmen umfasst, ist alles andere als frei von amerikanischen Einflüssen. Der US-Vermögensverwalter BlackRock, ist nicht nur der ehemalige Arbeitgeber von Friedrich Merz, sondern hält im Durchschnitt 5 % an jedem Dax Unternehmen. Gemeinsam mit weiteren US-Vermögensverwaltern wie Vanguard kommen amerikanische Vermögensverwalter bei deutschen Aktien wie der Allianz auf Anteilsquoten von über 12 %.
Die Verwurzelungen der USA in unser Leben, unsere Angebote und unsere Infrastruktur gehen tief. Vielleicht schlagen die USA nach der nächsten Präsidentschaftswahl einen EU freundlicheren Kurs ein, vielleicht aber auch nicht. Vernünftig wäre es, statt auf ungewisse Wahlausgänge zu spekulieren, selbst aktiv die eigene Zukunft zu gestalten. Das heißt nicht, dass wir uns von heute auf morgen radikal aus allen amerikanischen Verstrickungen lösen können. Unabhängigkeit lässt sich eben nicht auf Knopfdruck herstellen, sie ist eher ein steiniger Weg, den wir gehen müssen, als ein Ziel, das wir plötzlich erreichen.
Diesen Weg können wir aber schon heute beginnen. Wenn wir das nächste Mal unsere Gedanken festhalten wollen, könnte LibreOffice Writer statt Microsoft Word zum Einsatz kommen. Müssen wir navigieren, lohnt sich ein Versuch mit HERE WeGo statt mit Google Maps, das uns hoffentlich ebenfalls zum Paketshop und nicht zum Hotel in der Schlossallee führt. Und sollte Amy Santiago mal wieder eine besonders nervige E-Mail schreiben, hilft vielleicht auch Mistral AI beim Formulieren einer charmanten Antwort.
Diese kleinen Verschiebungen werden die USA nicht über Nacht aus unserem Alltag verdrängen. Das wäre auch weder realistisch noch das eigentliche Ziel. Es geht vielmehr darum, uns unsere Abhängigkeit überhaupt erst bewusst zu machen und Schritt für Schritt eigene Optionen wieder ins Spiel zu bringen, statt uns blind auf amerikanisches Wohlwollen oder ungewisse Wahlausgänge zu verlassen. So bauen wir uns allmählich wieder ein Stück unabhängige deutsche und europäische Handlungsfähigkeit auf.