Warum wir Meinungen, Wahrnehmung und Tatsachen so leicht verwechseln
Kennen Sie das? Sie befinden sich inmitten einer hitzigen Diskussion und können einfach nicht verstehen, wie der Gegenüber mit seiner Meinung so falsch liegen kann? Sei es Politik, eine fachliche Debatte auf der Arbeit, über Religion, oder die Frage, welche nun wirklich die beste Serie aller Zeiten ist… Die Fehler bei anderen zu finden, fällt uns dabei erstaunlich leicht. Bei uns selbst tun wir uns damit hingegen deutlich schwerer.
Wir Menschen leben in einer unfassbar komplexen Welt. Die unterschiedlichen Themen, die auf einen einprasseln können, sind unzählbar. Gleichzeitig streben wir danach, das, was wir erleben, zu verstehen und uns erklären zu können. Dadurch haben wir den Reflex, uns Meinungen zu bilden, selbst wenn wir eigentlich kaum Informationen über eine Thematik haben, um uns das Leben begreifbar zu machen. Menschen streben nach Antworten. Die Grundlage, bzw. die Qualität der Informationen, auf der diese Antworten beruhen, ist für diesen Automatismus erstmal zweitrangig. Stattdessen erklären wir uns fortlaufend selbst, warum die Welt und die Menschen um uns herum so funktionieren, wie sie es tun.
Mit diesem Punkt beschäftigt sich die „Alltagspsychologie“. Sie beschreibt, dass jeder Mensch im Grunde ein nebenberuflicher Psychologe ist. Das ist eine Rolle, die wir zwar ohne Expertise ausführen, dafür aber mit bemerkenswerter eigener Überzeugungskraft. Wir bauen uns im Alltag in Sekundenschnelle Erklärungsmodelle zu teils hochkomplexen Sachverhalten zusammen. Diese fühlen sich dabei wie Fakten an, die wir durch eigene Lebenserfahrung selbst beobachten konnten.
Wenn Donald Duck zu spät zur Arbeit erscheint, wird er von außen als unzuverlässig und mit schlechtem Zeitmanagement wahrgenommen. Spannend wird es, wenn man den Spieß umdreht. Wenn Donald Duck sieht, dass wir selbst 5 Minuten zu spät kommen, dann denkt er sich dasselbe. Wir haben in der Situation aber den Reflex, die Verantwortung von uns zu schieben. Eher hätte diese blöde Bahn doch auch mal pünktlich sein können, die Schlange beim Bäcker war heute einfach unverhältnismäßig lang oder unser Partner hat das Bad zu lange blockiert. Hier wird gerne mit zweierlei Maß gemessen.
Donald Duck verkörpert in unserer Wahrnehmung Unzuverlässigkeit. Bei uns hingegen lief es eben blöd. Es lag an externen Faktoren, dass wir uns verspätet haben. Vielleicht stimmt das sogar, vielleicht trifft das aber auf die Situation von Donald zu? In der Psychologie wird dieses Phänomen als „fundamentaler Attributionsfehler“ bezeichnet. Bei anderen suchen wir die Ursache für ihr Verhalten eher in deren Charakter, bei uns selbst eher in den Umständen.
Übertragen auf die Diskussion vom Anfang bedeutet das: Wer eine andere Meinung als unsere eigene vertritt, den empfinden wir tendenziell eher als schlecht informiert, ideologisch verblendet oder schlicht beratungsresistent. Dass die andere Person vielleicht andere Erfahrungen gemacht hat, oder sogar Recht haben könnte, kommt uns seltener in den Sinn. Für uns fühlt sich die eigene Wahrnehmung wie die einzig logische Realität an.
Doch worauf bauen wir diese vermeintliche Gewissheit eigentlich auf? Online bedienen wir uns bevorzugt bei Quellen, die uns ohnehin schon vertraut sind. Sie lassen sich längst einem bestimmten Milieu zuordnen, servieren Themen, die ins eigene Weltbild passen, und schreiben in einem Ton, der die eigene Überzeugung bestätigt statt sie infrage zu stellen. Ergänzend füttern uns Algorithmen mit Inhalten, die exakt auf unsere Interessen und Ansichten zugeschnitten sind, und liefern damit zusätzlichen Sauerstoff für unsere Filterblase. Die Neigung, bevorzugt nach Informationen zu suchen, die unsere Meinung bestätigen, wird im Fachmilieu als „Bestätigungsfehler“ bezeichnet.
Da der Mensch ein Gesellschaftstier ist, bleibt es nicht bei der Bestätigung im Netz. Auch offline suchen wir uns Gruppen, die unsere Ansichten teilen und in denen wir uns verstanden fühlen. Der Informationsfluss innerhalb dieser Gruppen gilt uns dabei als besonders glaubwürdig, wodurch sich die Mitglieder gegenseitig in ihren Ansichten hochschaukeln. Die eigene Meinung mutiert so schnell zum vermeintlichen Konsens der breiten Masse. Dieses Phänomen ist auch als „False-Consensus-Effekt“ bekannt.
Unsere Wahrheit entsteht nicht über Nacht, sondern wächst mit jedem Klick und jedem Gespräch im Bekanntenkreis ein Stück weiter. Mit der Zeit fühlt sie sich so gefestigt an, dass wir sie kaum noch infrage stellen mögen.
Doch was passiert, wenn zwei solcher unerschütterlichen „Wahrheiten“ aufeinandertreffen und aus einer Meinungsverschiedenheit ein handfester Streit wird?
Genau das erleben wir in der Rechtsberatung täglich. Beide Parteien sind zutiefst von ihrer eigenen Version überzeugt. Beide fühlen sich im Recht.
Im Alltag kommen wir mit unseren mentalen Abkürzungen oft durch. Doch sobald rechtliche Anliegen ins Spiel kommen, zeigt sich schnell, dass unser Gehirn ein großartiger Geschichtenerzähler ist, dafür aber ein denkbar schlechter Richter. Denn wo gekränkte Wahrnehmungen und gefühlte Wahrheiten auf Paragrafen, Beweislasten und nüchterne Fakten treffen, gelten andere Spielregeln.
In der Rechtsberatung ordnen wir Sachverhalte rechtlich ein, differenzieren zwischen Meinungen und Tatsachen und können aus emotional aufgeladenen Konflikten einen Dialog mit der Gegenseite aufnehmen, um lösungsorientiert für ihre Interessen einstehen.